17. Sommerakademie |
Lehrkräfte |
Archiv
Eröffnungsvortrag Berlin 2003
Zwischen Schumann und Brahms
Lieder und Gesänge von Fanny Hensel, Felix Mendelssohn Bartholdy,
Robert Franz, Carl Loewe, Franz Liszt und Richard Wagner
Prof. Harmut Fladt
Fanny Hensel, geborene Mendelssohn, und ihr vier Jahre jüngerer Bruder
Bruder Felix Mendelssohn wurden zwar in Hamburg geboren (1805 bzw. 1809), wuchsen
aber in Berlin auf. Für Fanny blieben Berlin und das Elternhaus in der
Leipziger Straße Heimat und Zentrum - hier lebte sie mit ihrem Mann, dem
Maler Wilhelm Hensel und ihrem Sohn Sebastian, hier wurden ihre Kompositionen
aufgeführt; und auch Felix kehrte, auch wenn er an anderen Orten wohnte,
immer wieder hierher zurück.
Das geistige und das kulturelle Leben in Berlin in der Zeit um 1820 zeichnet sich
durch einen großen Reichtum, aber auch durch starke Widersprüche aus:
wir finden eine merkwürdige Mischung aus provinzieller Enge und einem reich
blühenden Geistes- und Kulturleben. Berlin war Hauptstadt von Preußen,
noch lange nicht von Deutschland. Der preußische Adel und das
Königshaus bestimmten über die Politik und über die Kulturpolitik,
und sie waren durchaus reaktionär und unterdrückten liberale und
demokratische Tendenzen. Sie übten auch im Geistesleben und in der Kunst
Zensur aus: so wurden Publikationen von Wilhelm Müller (ja, dem Dichter der
"Schönen Müllerin" und der "Winterreise") und vom in Berlin lebenden
E.T.A.Hoffmann verboten, und gegen Hoffmann wurde sogar ein Prozess
eröffnet; später traf es auch Werke von Heinrich Heine.
Man ging so weit, Professoren der Universitäten aus dem Amt zu jagen und
sogar ins Gefängnis zu werfen. Auch Felix musste bedrückende
Erfahrungen sammeln. als er versuchte, in seiner Heimatstadt (die er liebte) eine
feste Anstellung zu finden: er war doppelt verdächtig, als liberaler
Demokrat und als Mitglied einer jüdischen Familie. Und so verließ er
Berlin und wurde - als ein in ganz Europa gefeierter Künstler - mit 26
Jahren im reichen Leipzig Direktor des Gewandhauses und sein Kapellmeister. 1843
gründete er das Konservatorium in Leipzig, die bedeutendste musikalische
Ausbildungsstätte in Deutschland. Zwar versuchte Mendelssohn, auch in Berlin
solche Strukturen zu errichten, aber er scheiterte damit.
Zurück nun also zu Berlin und zu den Vorzügen Berlins: trotz aller Enge
und trotz der Zensur hatte sich ein blühendes kulturelles Leben entfaltet;
das betraf die Wissenschaften wie die Künste. An der Universität (heute
Humboldt-Universität) lehrten Wilhelm und Alexander von Humboldt, der
berühmte Naturforscher und Weltreisende, der Philosoph Georg Wilhelm
Friedrich Hegel, der Theologe Schleiermacher und viele mehr, und Felix' Freund
Adolph Bernhard Marx begründete hier die universitäre
Musikwissenschaft. Sie alle waren immer wieder Gast im Hause Mendelssohn und
waren u.a. Zuhörer bei den berühmten "Sonntagskonzerten", die im
kleinen Saal des Gartenhauses in der Leipziger Straße stattfanden. Felix
war auch an der Universität immatrikuliert und hörte beispielsweise die
Ästhetik-Vorlesungen von Hegel.Die Institution der Berliner
"Singakademie" mit ihrem Leiter Carl Friedrich Zelter war für die Stadt,
aber besonders für Fanny und Felix von unschätzbarem Wert: hier sangen
sie mit und lernten die großen Chorwerke der Vergangenheit und der
Gegenwart kennen. Hier sorgte der 19jährige Felix Mendelssohn zusammen mit
dem Schauspieler Eduard Devrient 1829 dafür, dass J.S.Bachs
"Matthäuspassion" nach 100 Jahren wieder aufgeführt wurde. Und Zelter,
der auch ein enger Freund von Goethe war, wurde der Kompositionslehrer von Fanny
und von Felix.
Wir finden in Berlin ein reiches Theater- und Opernleben; aber für Fanny und
für Felix war eine andere Art der literarischen Kultur und der Musikkultur
mindestens genau so wichtig: es gab in Berlin, genau wie übrigens auch in
Paris, zahlreiche Salons, in denen viele und äußerst vielfältige
Veranstaltungen mit halb-öffentlichem Charakter stattfanden. Die Salons
waren auch für Komponisten wie Frédéric Chopin und Franz Liszt
zentrale Orte für ihre Auftritte.
In den Berliner Salons stellte man neue Werke vor, hier diskutierte man auch
über die neuesten Entwicklungen in den Künsten, in den Wissenschaften
und ebenso in der Politik. Wichtig ist, dass viele dieser Salons in
jüdischen Familien beheimatet waren und von intellektuellen und
emanzipierten jüdischen Frauen wie Henriette Herz und Rahel Varnhagen
geleitet wurden. Viele Frauen auch aus der Familie Mendelssohn erlebten auf diese
Weise eine doppelte Emanzipation: als Frauen und als Angehörige der
jüdischen Familien, die noch wenige Jahrzehnte zuvor in Preußen nahezu
rechtlos waren.
Die Familie Mendelssohn nun gestattete Fanny und Felix eine qualitativ wie
quantitativ völlig identische Ausbildung, auch kompositorisch. Die
Geschwister tauschten Zeit ihres Lebens Gedanken über ihre jeweiligen Werke
aus. Aber für Fanny gab es ein Tabu: den Schritt in die Öffentlichkeit
und in die Professionalisierung des Musikerberufs durfte Felix
selbstverständlich tun, sie nicht. Der Vater Abraham Mendelssohn
verfügte, dass die "Kunst nur Zierde, niemals Grundbass ihres Seins und
Tuns" sein dürfe.
So schwer es fiel, die Geschwister akzeptierten die väterliche
Verfügung. Erst sehr spät, 1846, ein Jahr vor ihrem frühen Tod,
begann Fanny Hensel, ihre Werke drucken zu lassen; es waren vorwiegend
Liederzyklen und Zyklen von "Liedern ohne Worte" für Klavier (sehr
wahrscheinlich ist Fanny die Erfinderin dieser Gattung). Aber es gab schon vorher
einen - heimlichen - Ausweg: in einem Brief schrieb Felix 1835: Fanny "hat
namentlich deutsche Lieder componiert, die zum allerbesten gehören, was wir
von Liedern besitzen". Und er nahm 5 Lieder und ein Duett von Fanny in seine
Liederhefte op.8 und op.9 auf. Die Öffentlichkeit aber durfte davon nichts
wissen. Es gibt Musikwissenschaftler, die behaupten, Felix habe die Lieder quasi
als "geistigen Diebstahl" einfach unter seinem Namen veröffentlicht; das ist
dumm und verkennt völlig die Probleme.
Wir hören nun ein Lied von Fanny Hensel: "Nur wer die Sehnsucht kennt" -
Mignons Lied aus Goethes "Wilhelm Meister". In früheren Sommerakademien
hatten wir schon Vertonungen von vielen anderen Komponisten kennen gelernt. Fanny
war 21, als sie dieses Lied schrieb - ein erstaunliches Dokument; die
Begeisterung von Felix ist gut nachvollziehbar.
Die Gattung Lied und die Liedästhetik spielten eine sehr wichtige Rolle in
der kompositorischen Ausbildung der Geschwister bei Carl Friedrich Zelter. Er war
Vertreter der sogenannten "zweiten Berliner Liederschule", deren Ideale besonders
durch Johann Wolfgang von Goethe geprägt waren. (Zelter übrigens sorgte
dafür, dass Felix regelmäßigen Kontakt und Gedankenaustausch mit
dem 60 Jahre älteren "Dichterfürsten" hatte; Felix besuchte ihn
fünfmal.)
Dass Goethe Noten lesen und schreiben konnte, selbst sang und Klavier spielte,
ist überliefert. Dennoch vertraute er lieber zusätzlich auf das Urteil
von musikalischen Fachleuten, die ihm beratend zur Seite standen, darunter
besonders auf das seines Freundes Zelter aus Berlin. Felix übrigens spielte
und sang Goethe sehr viel neue, zeitgenössische Musik vor.
Zelters Vertonungen seiner Liedtexte empfand Goethe als adäquat: strophische
Lieder blieben strophisch, Versmass und formale Korrespondenzen wurden
genauestens eingehalten, die Musik erfasste in der Regel den allgemeinen Sinn und
die Grundempfindung des Ganzen und drängte sich nicht selbstherrlich und
interpretierend vor den Text. Der Instrumentalpart war schlicht und dienend im
Hintergrund - manche Lieder wie "Es war ein König in Thule" aus dem "Faust"
konnten sogar ohne jede Begleitung gesungen werden, wie ein Volkslied. Ich
möchte Ihnen dieses Lied jetzt kurz vorstellen und auch demonstrieren,
welche Auswirkungen die Ästhetik einer gesanglichen substanziellen
Schlichtheit und Schönheit sogar auf symphonische Sätze von
Zelters Schüler Felix Mendelssohn hatte ("Italienische", 2.Satz, als ein
LIED OHNE WORTE für Orchester).
Dieses ästhetische Ideal von substanzieller Schlichtheit und Schönheit
steht noch ganz in der Tradition der "noble simplicité", der "edlen
Einfalt" des emanzipiert bürgerlichen 18. Jahrhunderts. Es galt
beispielsweise auch für viele der Goethe-Vertonungen von Johann Friedrich
Reichardt, der ebenfalls zur "zweiten Berliner Liederschule" gehörte. Er
wurde vom Dichter so sehr geschätzt, dass in der Erstausgabe von Goethes
Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre" 1795 die Melodien der Reichardt-Vertonungen
aller im Roman enthaltenen Lieder und Gesänge abgedruckt wurden, darunter
also die berühmten Lieder des Harfners und der Mignon, die später auch
von Beethoven, Schubert, Fanny Hensel-Mendelssohn, Robert Schumann, Franz Liszt,
Hugo Wolf usw. vertont wurden.
Goethes Ideal für die Gattung "Lied" war aber eine schlichte und dennoch
aussagestarke Melodie, die im Prinzip aus sich selbst verständlich sein
sollte und den Instrumentalpart nicht substanziell benötigte. Goethe
räumte der Gattung "Lied" einen sehr hohen Stellenwert ein; er war
allerdings der Überzeugung, dass dem Text die höhere Bedeutung zukomme
und die Musik eine eher dienende Rolle einnehmen solle. Ich erinnere immer
wieder gern an das das schöne Bild, das er einmal entworfen hat: die Musik
soll gleichsam wie ein Luftballon (also ein Heissluftballon, eine
"Montgolfière") den Text leicht heben und mit sich forttragen.
Das äusserste, was Goethe gestattete, waren Einflüsse von
Empfindsamkeit und von Sturm und Drang, die aber musikalisch auch nur den
Tendenzen des Textes folgen sollten.
Wahrscheinlich wird es nun verständlich, dass Goethe mit zahlreichen
Vertonungen von Ludwig van Beethoven und fast allen von Franz Schubert nichts
anfangen konnte, ja, dass er sich dagegen wehrte; denn: sie gehen von einer
Gleichberechtigung von Text und Musik aus. Beethovens und Schuberts Musik
interpretiert ihre Texte, und oft erhalten die Lieder erst durch die
Vertonung ihren höchsten Rang als Kunstwerk, den sie als Text sonst nicht
hätten (denken Sie etwa an Beethovens Zyklus "An die ferne Geliebte" auf
Texte von Alois Jeitteles oder an Schuberts "Schöne Müllerin" oder an
die "Winterreise" auf Texte von Wilhelm Müller).
Text, Vokalpart und der sich emanzipierende Instrumentalpart sind also nun
gleichberechtigt in einem übergeordneten Ganzen. Das wird im gesamten 19.
und auch im 20.Jahrhundert so bleiben, und mit Schumann wird sogar dem
Instrumentalpart die Bedeutung zukommen, dass er die eigentliche, die
zugrundeliegende Aussage hat. Diese neue Qualität in der Gattung Lied blieb
Goethe nicht verborgen, auch wenn er sich dagegen wehrte (was man einem Dichter
wirklich nicht verübeln darf).
Und auch Fanny Hensel und ihr Bruder Felix Mendelssohn knüpften, gegen den
Rat ihres Lehrers Zelter, selbstverständlich an Beethoven und an Schubert
an. Ihre Musik interpretiert die Texte und gestattet sich sogar
eigenmächtige Eingriffe in das Versmass, in die Deklamation. Die Musik
wiederholt Worte und Satzteile, ja sie streicht sogar Teile des Textes oder
löst sie in Prosa auf. Die Musik macht aus Liedern Monodrame und Szenen,
kurz: nicht der Text, sondern die Interpretation des Textes durch den Komponisten
steht im Vordergrund. Für Schubert und die beiden Mendelssohns ist jetzt
auch erstmals eine Voraussetzung feststellbar, die von nun an für alle
späteren Liedkomponisten gilt: sie alle sind literarisch gebildet und nehmen
auch die gesamte Lyrik ihrer Gegenwart zur Kenntnis (das gab es vorher so noch
nie, und es war auch später keineswegs selbstverständlich.)
Wir hören nun von Felix das berühmte "Auf Flügeln des Gesanges",
Text von Heinrich Heine. Sie bemerken sofort, dass die Lieder von Felix viel
weniger experimentell sind als die seiner Schwester Fanny, besonders im
Harmonischen; dafür ist bei Felix in der Regel das Form-Ganze raffinierter
und auch beziehungsvoller angelegt.
Bitte denken Sie bei allen Vergleichen der Lieder der beiden Mendelssohns mit
denen von Robert und auch Clara Schumann daran: Schumanns Liedschaffen beginnt
erst mit dem Jahr 1840, dem "Liederjahr", und viele Lieder und Liedzyklen der
Mendelssohns sind zu diesem Zeitpunkt längst vollendet 5 und auch publiziert
- auch die schon damals sehr berühmten "Lieder ohne Worte", die Robert sehr
schätzte und in Rezensionen in seiner NEUEN ZEITSCHRIFT FÜR MUSIK hoch
lobte.
Im April 1840 erklingen, in Berlin, erstmals Heine-Lieder von Schumann; am
Klavier Clara Wieck, und es singt - Felix Mendelssohn Bartholdy. Ihnen allen muss
damals klar gewesen sein, dass hier eine neue Qualitäts-Stufe der Gattung
"Lied" erreicht war. Die Lieder von Fanny und Felix, die danach in den 40er
Jahren entstanden, zeigen deutliche Einflüsse der Schumann-Lieder.
In einer sehr freundlichen Rezension von Liedern von Robert Franz schrieb Robert
Schumann im Jahre 1843: "Für das Lied hatte schon Franz Schubert
vorgearbeitet, aber mehr in Beethovenscher Weise (...) Die Entwickelung zu
beschleunigen, entfaltete sich auch eine neue deutsche Dichterschule:
Rückert und Eichendorff, obwohl schon früher blühend, wurden den
Musikern vertrauter, am meisten Uhland und Heine komponiert. So entstand jene
kunstvollere und tiefsinnigere Art des Liedes, von der natürlich die
Früheren nichts wissen konnten, denn es war der neue Dichtergeist, der
sich in der Musik widerspiegelte. (...) Und in Wirklichkeit ist vielleicht das
Lied die einzige Gattung, in der seit Beethoven ein wirklich bedeutender
Fortschritt geschehen."
Wer aber war Robert Franz? In meiner Notenbibliothek gibt es mehrere
wunderschön gebundene Liederbände: Goldbuchstaben auf leuchtendrotem
Grund, in der grafischen Gestaltung schwankend zwischen Kunstpathos und
süßem Kitsch, die FRANZ-ALBEN; wahrscheinlich Familien-Erbstücke.
Schon die Ausstattung macht klar: Robert Franz wurde selbstverständlich zum
Hohen Kulturgut gerechnet. Und auch die Tatsache, dass Robert Schumann und auch
Franz Liszt sowohl Rezensionen als auch längere Abhandlungen über Franz
schrieben, zeigt eine Wertschätzung für diesen Komponisten, der -
leider - heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist.
Robert Franz, 1815-1892, war Chorleiter und Universitätsmusikdirektor in
Halle an der Saale und wirkte dort lebenslang. Er widmete sich intensiv den
Werken von Bach und Händel. Als Komponist verkörpert er den Typus des
"genialen Dilettanten" Bekannt geworden ist er ausschließlich als
Lied-Komponist. Keines seiner Werke ist genau datierbar, und er entzog sich
bewusst einer exakten Fixierung. Die Sammlung op.1 erschien 1843. Sie ist von
Schubert und Mendelssohn, deutlicher aber von Schumann inspiriert. Viele der
Texte, gerade die von Heine, wurden sowohl von Schumann als auch von Mendelssohn
und Franz vertont, ebenso von Fanny Hensel, deren Lieder ja ab 1846 gedruckt
wurden; wer hier von wem beeinflusst wurde, lässt sich kaum noch
rekonstruieren.
Franz Liszt veröffentlichte seinen großem Essay über Robert Franz
in der Neuen Zeitschrift für Musik 1855. Er vergleicht ihn mit Schubert:
"Schuberts Phantasie war eine leidenschaftlich erregte. (...) Seine
dramatisierende Inspiration verlangte sozusagen die Inszenierung jedes Sujets.
(...) Im Gegenteil zu ihm ist Franz so wenig dramatisch angelegt, dass er nicht
einmal der 6 Szene bedarf. Er ist vor allem psychischer Kolorist. (...) Dazu
bemächtigt er sich nicht, wie Schubert, unserer Phantasie; er versucht
nicht, uns durch die Staffage, durch die malerische Umgebung zu bestechen, durch
ein ergreifendes Schauspiel zu erschüttern, durch die nervöse Erregung
eines schmerzlichen Eindrucks, durch sein hinreißendes Pathos zu
überwältigen. Er skizziert nur mit präzisen Strichen seine
Konturen, um uns sogleich leise in den Zauberkreis seiner Gemütsbewegung zu
ziehen. (...) In einheitlicher Entwicklung, in plastischer Gestaltung und
Abrundung der Form folgt Franz mit der feinsten Aufmerksamkeit dem Dichter."
Was rühmt also Liszt an Robert Franz? Eigentlich doch eine Rücknahme
der Rolle der Musik: sie ist nicht gleichberechtigt mit dem Text, schon gar nicht
interpretiert sie den Text und verändert ihn dadurch, sondern: die Musik
stellt sich bei Franz ganz in den Dienst des Textes. Und dennoch: wir finden
zahlreiche wunderschöne Lieder bei Franz, die es auf jeden Fall verdienen,
ins feste Repertoire der Gattung Lied wieder aufgenommen zu werden. Wir
hören nun von Robert Franz op.5,1 "Aus meinen großen Schmerzen", und
op.5,3 "Auf dem Meere", Texte von Heinrich Heine.
Wenn wir Carl Loewe heute überhaupt noch kennen, dann nur durch seine
Balladen. Sie verschafften ihm in Deutschland bis weit ins 20.Jahrhundert hinein
eine ungeheuere Popularität. Loewes Balladen auswendig singen zu
können, gehörte zu den Selbstverständlichkeiten des
Bildungsbürgertums - ich kann das für zwei Generationen aus meiner
eigenen Familie bezeugen. Und jeder hatte eine Lieblings-Ballade (mein Vater z.B.
"Tom der Reimer").
Aber Loewe wollte doch als Komponist im umfassendsten Sinne anerkannt werden,
ebenso als Interpret und als Pianist höchsten Grades - vergeblich. 1796 in
Löbejün, Provinz Sachsen, geboren, war seine Haupt-Wirkungsstätte
Stettin, und zwar 46 Jahre lang: als Gymnasiallehrer, als Musikdirektor und als
Kantor.
Loewe hat die Gattung "Ballade" zwar nicht erfunden (alle Liedkomponisten und
Komponistinnen haben Balladen oder zumindest balladeske, erzählende Lieder
geschrieben), aber er hat sie zu einer unverwechselbaren Vokalform gemacht.
Johannes Brahms bezweifelte die tiefergehende kompositorische Begabung Loewes und
sprach kritisch von einer "oft nur ganz talentvollen Mache, mitunter sogar
höchst mittelmäßig"; aber an der wirkungsvollen Popularität
der Balladen konnte das nichts ändern. Wir hören nun "Tom der Reimer",
eine altschottische Ballade, aufgezeichnet von Theodor Fontane.
Es gibt wunderbare europäische Paradoxien bei zahlreichen Komponisten. So
ist Georg Friedrich Händel ein in Deutschland geborener italienischer
Komponist, der in England lebte und wirkte. Hector Berlioz wird, wie der Name
schon verrät, zur Neudeutschen Schule gerechnet, zu der auch Franz Liszt
zählte. Liszt allerdings war ein französischer Komponist
deutsch-österreichischer Herkunft, der sich für einen Ungarn hielt.
Dass Liszt sein Magyarentum betonte, obwohl er sich erst sehr spät einige
Worte Ungarisch aneignete, ist sein gutes Recht; der Ort Raiding, ungarisch 7
Doborján, wo er 1811 geboren wurde, liegt in Ungarn. In den Sujets von
Klavierwerken, Liedern und sogar in Symphonischen Dichtungen wie "Hungaria" wird
Ungarn besungen. Aber die eigentliche ästhetische Prägung erhielt Franz
Liszt in Paris, wie denn auch Französisch zu seiner eigentlichen
Muttersprache geworden war. Über Wien war das pianistische Wunderkind Franz
in die eigentliche europäische Kulturhauptstadt Paris gekommen.
Auch als Komponist war Liszt zunächst primär Klaviervirtuose. Er litt
unter der Verachtung, die man in Frankreich für die reine Instrumentalmusik
zeigte, für die sogenannte "absolute Musik", die ja in Deutschland schon
einen sehr hohen Stellenwert hatte. Instrumentalmusik galt als die niedrigste
Kunst von allen, als inhaltsleeres Getön, mehr oder weniger angenehm. 1855
schrieb Liszt in einem Aufsatz über Adolf Bernhard Marx: "Die meisten
Hochgebildeten legten der Poesie, Architektur, Skulptur und besonders der Malerei
eine viel höhere Wichtigkeit als der Musik bei, weil diese Künste ihrem
Denken Nahrung bieten und diese Gedankentätigkeit in ihren Augen die
Sinnenbefriedigung, mit welcher sie verbunden ist, veredelt und rechtfertigt."
Um der Instrumentalmusik neue Würde zu geben, um sie zu "veredeln", zu
nobilitieren, schuf Liszt die Gattung der Symphonischen Dichtung. 1848 war er
Kapellmeister in Weimar geworden, und hier konnte er ungestört mit Werken
dieser neuen Gattung experimentieren. Es sind dies "Ideenkunstwerke", die ihre
Inhalte, ihre Sujets aus der Dichtung, aus der Geschichte, aus der Philosophie
und aus der Malerei entnahmen.
Obwohl Liszt auch etwa 80 Lieder komponierte, steht die Gattung LIED durchaus
nicht im Zentrum seiner Ästhetik, wie das bei allen anderen bisher
vorgestellten Komponierenden der Fall war. Die meisten Lieder Liszts sind ein
Tribut an den deutschen Zeitgeist, und zwar an den deutschen Zeitgeist vor
Richard Wagner.
Im schon zitierten Essay über Robert Franz hatte Liszt geschrieben: "Das
Lied ist poetisch wie musikalisch ein der germanischen Muse angehöriges
Erzeugnis. Wie die Worte Sehnsucht und Gemüt, welche ihr Gebiet bezeichnen
und ihr Lebensmark bilden, nur der deutschen Sprache angehören und
unübersetzbar bleiben, so gehört ihr ausschließlich das Lied.
Nicht als ob andere Nationen nicht auch lyrische Gesänge besäßen.
Frankreich, Italien, Großbritannien und andere Länder besitzen solche,
nur hat der Charakter derselben nichts mit dem Lied gemein."
Liszt selbst zog die Konsequenzen daraus, als Lieder wirklich nur seine
deutschsprachigen Vertonungen von Goethe, Uhland, Heine, Freiligrath und anderen
zu bezeichnen. Und hier stellt er sich ganz bewusst in die Tradition Schubert,
Mendelssohn, Schumann und Franz. Wir hören jetzt das Lied "O lieb, so lang
du lieben kannst" aus dem Jahr 1850, Text von Liszts Freund Ferdinand
Freiligrath, einem der führenden Köpfe der Revolution 1848/49. Das
Gedicht endet tragisch ("der andre aber geht und weint"); Liszt
"korrigiert" dieses Ende und greift abrundend noch einmal auf den
Beginn zurück.
Natürlich kennen Sie diese Komposition: es ist der berühmte
"Liebestraum Nr.3" in As-Dur für Klavier, und nur in dieser Form wurde das
Stück weltweit bekannt. Aber: alle drei "Liebesträume" sind in ihren
Urgestalten Lieder, und die Klavier-Versionen sind Transskriptionen. Die
"Liebesträume" enthüllen sich also als "Lieder ohne Worte", noch
drastischer, als dies bei der Erfinderin dieser Gattung, Fanny Hensel, oder ihrem
Bruder Felix Mendelssohn der Fall war. Wir hören jetzt noch in die
Klavier-Version hinein, die ich übrigens für viel gelungener halte.
Noch weniger als Franz Liszt war Richard Wagner ein Liedkomponist. Schon die
frühesten Versuche des 1813 Geborenen waren musiktheatralisch geprägt,
so z.B. die Vertonungen aus Goethes "Faust" des 19jährigen: wir finden
Rezitativ und Szene, Arioso, sogar das gesprochene Melodram. Aber Wagner findet
sehr selten zu einer lyrischen Kantabilität zu einem autonomen,
durchgearbeiteten Klaviersatz, was ja eigentlich in dieser Zeit zur Norm der
Gattung Lied geworden war. Wagners Klaviersatz ist - schlicht gesagt - ein
Klavierauszug einer imaginären, nicht existierenden Orchesterpartitur. Wir
hören jetzt "Gretchen am Spinnrade" - und wenn Sie an eine Vertonung dieses
Textes von einem anderen, 18jährigen Komponisten denken, der Franz Schubert
heißt, und wenn Sie dann ganz wehmütig werden, dann haben Sie
Recht. Wagner gehörte zu den "Spätreifen".
Wagners Neubestimmung des musikalischen Dramas ab 1851/52 hat auch eminente
Auswirkungen auf das Verhältnis von Text und Musik allgemein. Die
theoretische Schrift Oper und Drama, die im Exil in der Schweiz entstand,
entwirft bereits all das, was Wagner dann später in Werken wie dem Ring des
Nibelungen oder in Tristan und Isolde künstlerisch realisierte. Hier wird
nun ein Prinzip aus der Vokalmusik verbannt, das Wagner selbst in all seinen
bisherigen Werken noch selbstverständlich berücksichtigt hatte: die
Komposition von regelmäßig gebauten Versen mit gleichbleibendem
Versmaß und - in der Regel - sogar mit regelmäßigen Reimen.
Was das für die bisherige Komposition bedeutete, lässt sich klar sagen:
die symmetrischen Verhältnisse der Texte haben ihre Entsprechung in
musikalischen Symmetrien, und die textliche Reim-Ordnung hat ihre Entsprechung in
der Kadenz-Ordnung. Im Prinzip hielt sich Wagner an diese Text-Musik-Relation -
bis zum Lohengrin. Dann aber - salopp gesagt - "reichte es ihm", und er machte
sich über diese sogenannte "Quadratur der Tonsatzkonstruktion" regelrecht
lustig.
Dagegen setzt Wagner nun ein Prinzip, das man als musikalische Prosa bezeichnen
kann: die Musik "argumentiert" symphonisch, sie denkt musikalische Gedanken
folgerichtig weiter, ohne sich auf vorgefasste Symmetrien und Kadenzen zu
verlassen - die Melodien werden "unendlich". Die Substanz der Musik spielt sich
im thematisch-motivischen Geflecht des Orchesters ab. Nur selten werden
Gesangsstimmen in die thematisch-motivische Dramaturgie der Leitmotive
einbezogen. Und liedhafte Schlichtheit taucht nur noch an ganz wenigen
herausgehobenen Stellen auf. 9 1857/58 entstanden "5 Gedichte für eine
Frauenstimme" auf Texte von Mathilde Wesendonk, zunächst in einer
Klavierversion, dann für Kleines Orchester gesetzt. Man nennt diesen Zyklus
heute gern die "Wesendonk-Lieder", aber Wagner hat die Gattungsbezeichnung "Lied"
bewusst vermieden. Zwar sind die Texte durchaus schlicht gebaute traditionelle
Lyrik, aber Wagner löst sie in musikalische Prosa auf. (Im Seminar werden
wir sehr genau darauf eingehen, natürlich auch auf die wunderbaren
Klatschgeschichten um Mathilde und Richard und den doppelten Ehebruch).
Genau in dieser Zeit, 1857, hatte Wagner die Komposition des "Ring des
Nibelungen" mitten im "Siegfried" abgebrochen und war in den Vorarbeiten zu einer
kleinen, bescheidenen Oper mit minimaler Besetzung - daraus wurde dann der
"Tristan". Und der Wesendonk-Zyklus hatte hier eine wichtige Funktion: "Im
Treibhaus" und "Träume" sind ausdrücklich als "Studien zu Tristan und
Isolde" bezeichnet. Wir hören jetzt abschließend die "Träume" und
die entsprechende Partie aus dem II.Aufzug "Tristan" ("O sink hernieder, Nacht
der Liebe").
Vielen Dank für Ihre - hoffentlich nicht erlahmte - Aufmerksamkeit.