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Eröffnungsvortrag Hamburg 2004

Lied und Liedcharaktere im Schaffen von Johannes Brahms

Prof. Harmut Fladt

I Neue Bahnen
Am 30.September 1853 besucht ein noch unbekannter, gerade 20jähriger Komponist und Pianist aus Hamburg Robert und Clara Schumann in Düsseldorf. Er kommt auf Empfehlung eines anderen jungen Künstlers, Joseph Joachim, der allerdings als Geiger und Komponist durchaus schon arriviert ist. Der hübsche junge Mann - lassen Sie sich durch die späteren Bilder mit dem Rauschebart nicht täuschen - macht künstlerisch und menschlich einen tiefen Eindruck auf die Schumanns, und bis heute ist nicht ganz klar, wer von beiden mehr in ihn, Johannes Brahms, verliebt war.

Robert Schumann fasste sein Brahms-Erlebnis auf eine sehr poetische Weise zusammen; er veröffentlichte (nachdem er mehrere Jahre nicht mehr publizistisch tätig war) in der von ihm selbst 20 Jahre früher gegründeten „Neuen Zeitschrift für Musik“ einen enthusiastischen Beitrag mit dem Titel: „Neue Bahnen“. Einerseits machte dieser Artikel Brahms schlagartig bekannt in der Musikwelt, andererseits aber weckte er so hohe Erwartungen, dass er für den jungen Komponisten auch zur Belastung wurde. Der überaus selbstkritische Brahms vernichtete zahlreiche seiner fertigen Kompositionen, darunter dutzende Lieder, die seinen strengsten Qualitäts-Ansprüchen nicht standhielten.

Obwohl „Neue Bahnen“ wahrscheinlich einigen von Ihnen schon bekannt ist, möchte ich doch wenigstens einige Passagen zitieren - auch im Hinblick auf die Gattung Lied.

„Ich dachte (...), es würde und müsse (...) einmal plötzlich Einer erscheinen, der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre, einer, der uns die Meisterschaft nicht in stufenweiser Entfaltung brächte, sondern, wie Minerva, gleich vollkommen gepanzert aus dem Haupt des Kronion spränge. Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend, aber von einem trefflichen und begeistert zutragenden Lehrer gebildet in den schwierigsten Satzungen der Kunst, mir vorher von einem verehrten bekannten Meister (Joseph Joachim, d.Verf.) empfohlen. Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: das ist ein Berufener.“ (1) Hier unterbreche ich kurz.

Schumanns Enthusiasmus lässt ihn so weit gehen, hier einen musikalischen Messias anzukündigen, der gleichzeitig die Qualitäten der antiken Göttin der Weisheit hat, Minerva bzw. Pallas Athene, die als Kopfgeburt voll entwickelt aus dem Haupte ihres Vaters Zeus entsprang. Natürlich hat dieser Überschwang den Spott der Gegner herausgefordert: Johannes Brahms wurde „Hans Neubahn“ genannt. Brahms‘ sehr tüchtiger Lehrer war Eduard Marxen in Hamburg. Zurück zum Text:

„Am Clavier sitzend, fing er an wunderbare Regionen zu enthüllen. Wir wurden in immer zauberischere Kreise hineingezogen. Dazu kam ein ganz geniales Spiel, das aus dem Clavier ein Orchester von wehklagenden und lautjubelnden Stimmen machte. Es waren Sonaten, mehr verschleierte Symphonien, - Lieder,deren Poesie man, ohne die Worte zu kennen, verstehen würde, obwohl eine tiefe Gesangsmelodie sich durch alle hindurchzieht, - einzelne Clavierstücke, theilweise dämonischer Natur von der anmuthigsten Form, - dann Sonaten für Violine und Clavier, - Quartette für Saiteninstrumente, - und jedes so abweichend vom andern, dass sie jedes verschiedenen Quellen zu entströmen schienen. Und dann schien es, als vereinigte er, als Strom dahinbrausend, alle wie zu einem Wasserfall, über die hinstürzenden Wogen den friedlichen Regenbogen tragend und am Ufer von Schmetterlingen umspielt und von Nachtigallenstimmen begleitet.“ (2) Hier unterbreche ich wieder, damit Sie diese Kaskaden von poetischen Bildern noch nachwirken lassen können.

WIR HÖREN JETZT EINES VON DEN LIEDERN, DIE BRAHMS MIT NACH DÜSSELDORF GEBRACHT HATTE: „LIEBE UND FRÜHLING“ AUF EINEN TEXT VON HOFFMANN VON FALLERSLEBEN, SPÄTER VERÖFFENTLICHT ALS OP.3,2. Kurze Anmerkung, als Hör-Hilfe: entworfen wird ein Bild sich rankender, verwebender Pflanzen - ein Sinnbild der Gedanken, die sich um die Geliebte ranken. Und Brahms entwirft auch musikalisch ein gleichsam florales Rankenwerk, das sich auch als Kanon wechselseitig umschlingt. Beachtenswert auch die „tristanische“ Harmonik eines 19jährigen - und das 5 Jahre vor Wagners „Tristan“.

Schumanns Text geht noch weiter, aber ich breche ab. Nicht nur „Neue Bahnen“ soll Brahms der großen Öffentlichkeit bekannt machen - Schumann veranlasst ebenso, dass die von ihm erwähnten Werke gedruckt werden. Der skrupulöse Brahms gerät in Gewissensnot und sucht nur wenige davon aus; zahlreiche dieser Stücke, so die Violinsonaten, Quartette, Trios, Lieder werden vernichtet. Aber immerhin: in den jeweils 6 Liedern der Zyklen op.3, op.6 und op.7 können wir auch heute noch erfahren, warum die Schumanns auch in der Gattung Lied so beeindruckt waren.


II Herkunft und Persönlichkeits-Merkmale
1833 wurde Brahms in Hamburg geboren, das damals noch getrennt von Altona war, das zu Dänemark (!) gehörte. Hamburg hatte als eine etwas nüchterne Kaufmannsstadt ein deutlich weniger attraktives Musikleben als z.B. Leipzig, Berlin oder Wien. Brahms‘ Vater Johann Jacob verkörperte einen besonderen Typus des Handwerkers: er nannte sich „Instrumental-Musicus“ - das entsprach dem alten Beruf des „Stadtpfeifers“, der mehrere Instrumente beherrschte (u.a. Streichinstrumente, Flöte, Horn) und zu allen möglichen Gelegenheiten aufspielte, in der Regel als Kontrabassist und Hornist. Er hätte sich niemals als „Künstler“ verstanden, sondern schlicht als Handwerker.

Komponisten, die in der 1.Hälfte des 19.Jahrhunderts geboren wurden, kamen in der Regel nicht aus Musiker-Familien, so z.B. Chopin, Berlioz, Liszt, Schumann, Mendelssohn, Wagner, sondern aus dem gebildeten Bürgertum. Johannes Brahms, der in kleinbürgerlicher Enge aufwuchs, hatte zu Hause und in den Hamburger Bürgerschulen, die er besuchte, nur wenig Chancen, sich eine umfassende Bildung anzueignen, gerade, was die Künste betraf. Um so bewundernswerter ist es, dass er durch Eigeninitiative sich unermüdlich Zeit seines Lebens eine Bildungs-Weite schuf, die ziemlich einzigartig im 19.Jahrhundert war:

- Das betrifft z.B. die literarische Bildung, die ja unmittelbar wichtig für die Gattung „Lied“ ist. Brahms stellte sich eine handschriftliche Sammlung von Ausschnitten aus besonders geliebten Werken zusammen, und er nannte sie „Schatzkästlein des jungen Kreisler“. Warum „der junge Kreisler“, warum signierte Brahms in dieser Zeit um 1853 auch Kompositionen mit „Kreisler jun.“? Hier kommt eine besondere Liebe zu E.T.A.Hoffmann zum Ausdruck, der das Phantastische und Bizarre zu einer besonderen literarischen Qualität gebracht hatte. Der Kapellmeister Johannes Kreisler ist zentrale Figur im grotesken Werk „Lebensansichten des Katers Murr (nebst einer fragmentarischen Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler)“ von Hoffmann. Schon Robert Schumann hatte dieser Figur in seinen „Kreisleriana“ gehuldigt. In einem Brief an Clara Schumann vom 15.8.1854 schreibt Brahms: „Ich habe oft Streit mit mir, d.h. Kreisler und Brahms streiten sich.“ (3)

EINEN SOLCHEN „STREIT“ ZWISCHEN BIZARR-PHANTASTISCHEM UND RUHIG-AUSGEWOGENEM HÖREN WIR NUN. ES IST DER BEGINN DER KLAVIERSONATE FIS-MOLL OP.2, DIE ABER EIGENTLICH ALS ERSTE ENTSTANDEN IST; BRAHMS WAR 19 JAHRE ALT.

- „Bildung“ erwarb sich Brahms aber auch in Naturwissenschaften und in der Bildenden Kunst; er war befreundet mit den Malern Anselm Feuerbach, Max Klinger und Adolph v.Menzel. Für die Musik besonders wichtig war Brahms‘ Kenntnis von Philosophie und Religionskritik: nur vor diesem Hintergrund sind Werke wie „Ein Deutsches Requiem“ und die „Ernsten Gesänge“ überhaupt verständlich.

- Bildung als musikalische Bildung ist der dritte, wohl wichtigste Bereich für Brahms. Er war der erste (und für lange Zeit einzige) musikgeschichtlich umfassend gebildete Komponist. Er entdeckte Musik des 15., besonders des 16. und 17.Jahrhunderts für sich. Als Chorleiter in Wien (seiner zweiten Heimat bis zu seinem Lebensende) ab 1863 führte er erstmals auch öffentlich solche Musik auf (was den Wienern nicht besonders gefallen hat). Das musikwissenschaftliche Interesse führte dazu, dass sich Brahms aktiv an wissenschaftlichen Gesamtausgaben beteiligte, so bei den Ausgaben von Händel, Couperin, Mozart (Brahms revidierte das Requiem!), Beethoven, Chopin und natürlich Schumann. Die umfassende auch musiktheoretische Bildung hatte unmittelbare Auswirkungen auf das Schaffen: zahlreiche alte Techniken werden zu etwas individuell Neuem gestaltet, so z.B. die Chaconne im Schluss-Satz der IV.Symphonie.

Sehr komplexes kontrapunktisches Denken finden wir auch im Lied (einen vergleichweise harmlosen Kanon haben wir schon in op.3,2 gehört). In op.59,7 („Mein wundes Herz verlangt“ auf einen Text seines Freundes Klaus Groth) setzt Brahms extreme kontrapunktische „Kunststücke“ ein wie Augmentations- und Diminutionskanons (d.h. aus Vierteln werden Achtel oder Halbe) oder Spiegelungen. Nun könnte man meinen, dadurch entstehe nur eine intellektuelle Kopfmusik; der unmittelbare Höreindruck ist aber ganz anders. Das gilt ebenso für die „Ernsten Gesänge“ aus der letzten Lebensphase, die ich Ihnen im Seminar noch näher bringen möchte. WIR HÖREN NUN „MEIN WUNDES HERZ VERLANGT“.


III Clara Schumann
Die Briefe an Clara Schumann, die der 14 Jahre jüngere Johannes Brahms schrieb, sind Zeit-Zeugnisse, die uns heute noch unmittelbar anrühren können. Sie geben - ab 1854 - Auskunft über das Denken und das Fühlen eines gerade 21jährigen jungen Mannes, der am Beginn seiner fast unglaublichen Karriere steht.

Und dann geschieht das Schreckliche - die von einer Syphilis-Infektion verursachten Krankheits-Schübe bei Robert Schumann nehmen dramatisch zu, und nach einem Selbstmordversuch wird er in der Heilanstalt Endenich bei Bonn eingeliefert. Clara darf ihn nicht besuchen, und so wird Brahms zum Mittler zwischen den beiden. Aus seinen Briefen erfahren wir über den Zustand Schumanns; und in diesen Briefen wird überdeutlich, dass aus der Verehrung für Clara allmählich Zuneigung und dann auch innige Liebe werden.

Es sind bisweilen absurde Situationen, die durch diese Briefe anschaulich werden: Robert in der Heilanstalt, Clara, die Geld verdienen muss, damit die große Familie existieren kann, auf Konzertreise, und der junge Johannes zusammen mit der Haushälterin Bertha im Hause Schumann in Düsseldorf, sich auf liebevollste Weise um die Kinder kümmernd.

Wir erfahren auf diese Weise auch, wie der Erziehungs-Alltag in bürgerlich-liberalen Familien in dieser Zeit aussah, die Arztbesuche, die Spiele, was vorgelesen wurde, welche Musik gemacht wurde. Und auch da kommt die Gattung „Lied“ ins Spiel, denn: Brahms sang und spielte mit den Kindern Volkslieder, die er für sie auch mit einem Klaviersatz versah. Das Resultat sind die 14 „Volks-Kinderlieder“, die auch heute noch gern gesungen und gespielt werden.

Wir müssen uns klar machen, dass Clara und Johannes später alle Briefe mit „verfänglichem“ Inhalt vernichtet haben. Aber auch die verbleibenden sprechen eine deutliche Sprache, schon in der Anrede: von „Verehrteste Frau“ über „Teuerste Freundin“, „Geliebte Frau Clara“ bis „Meine geliebteste Clara“. Und es geht in diesen Briefen immer wieder auch um die Gattung „Lied“, um Liedästhetik und die Intimität und Tiefe der Aussagen.

Nach Schumanns Tod 1856 ist es sehr berührend, wie abgeklärt, ja fast väterlich der junge Mann der 14 Jahre älteren Clara Lebensweisheit und ruhige Gelassenheit vermitteln möchte. So schreibt er am 8.Oktober 1857: „Deine geschriebenen Worte lesen sich, als ob Dein Auge daraus hervorsähe und mich anlächelte. Liebe Clara. Du musst ernstlich darnach trachten und dafür sorgen, dass Deine trübe Stimmung nicht alles Maß überschreite und nicht ohne Aufhören sei. Das Leben ist kostbar; gewaltig zerstört solche Geistesstimmung den Körper. (...) Wozu hat denn der Mensch das himmlische Geschenk, die Hoffnung empfangen? (...) Ruhig in Freude und ruhig im Schmerz und Kummer ist der schöne, wahrhafte Mensch.“ (4)

Auch wenn die Liebe verging - die Freundschaft blieb, bis zu Claras Tod 1896. Und Brahms schickte ihr immer wieder Entwürfe und fertige Kompositionen im Manuskript, um ihr Urteil zu erfahren. Aus Claras Briefen können wir auch durchaus Erkenntnisse über die Werke entnehmen - so z.B. über die Violinsonate G-Dur op.78 im Juni 1879: „Nach dem ersten feinen reizenden Satz und dem zweiten kannst Du Dir die Wonne vorstellen, als ich im dritten meine so schwärmerisch geliebte Melodie mit der reizenden Achtel-Bewegung wiederfand! Ich sage meine , weil ich nicht glaube, dass ein Mensch diese Melodie so wonnig und wehmutsvoll empfindet, wie ich.“ (5) Brahms zitiert hier sein „Regenlied“ op.59,3 auf einen Text seines Freundes Klaus Groth.

WIR HÖREN JETZT ZUNÄCHST DEN BEGINN DES REGENLIEDS, DANN DEN 3.SATZ AUS DER SONATE, DIE HEUTE DEN NAMEN „REGENLIEDSONATE“ TRÄGT.


IV Das Volkslied-Ideal
Schon die Tatsache, dass Brahms für die Schumann-Kinder Volkslieder arrangierte, zeigt seine besondere Zuneigung zu diesem Genre. Wiederum aus einem Brief an Clara ((Januar 1860) können wir auch ein berühmt gewordenes ästhetisches Bekenntnis entnehmen: „Das Lied segelt jetzt so falschen Kurs, dass man sich ein Ideal nicht fest genug einprägen kann. Und das ist mir das Volkslied.“ (6)

Das gesamte Lebenswerk von Brahms ist immer wieder von Volksliedern und Volkslied-Bearbeitungen für verschiedenste Besetzungen bestimmt; es gibt aber auch Kompositionen und Formabschnitte „im Volkston“, ohne Bezug auf konkrete Lieder - oft in Mittelsätzen von Instrumentalwerken. Brahms war sich des Zusammenhangs von Lebenswerk und Volkslied-Bekenntnis sehr bewusst, wie ein Brief an Clara im August 1894 zeigt. Hier, am Ende seines Lebens, arrangierte er noch einmal 49 Volkslieder, und das 49. ist „Verstohlen geht der Mond auf“. Brahms schreibt: „Ist Dir wohl aufgefallen, dass das letzte der Lieder auch in meinem op.1 vorkommt? Ist Dir auch etwas aufgefallen dabei? Es sollte eigentlich was sagen, es sollte die Schlange vorstellen, die sich in den Schwanz beißt, also symbolisch sagen: die Geschichte sei nun aus, der Kreis geschlossen.“ (7)

WIR HÖREN AUS DER SONATE OP.1 DIESES LIED IM LANGSAMEN SATZ - GESTALTET ALS EINE SZENE ZWISCHEN VORSÄNGER UND SÄNGER-GRUPPE. BRAHMS HAT SOGAR IN DER SONATE DEN TEXT UNTERLEGT: Verstohlen geht der Mond auf, blau, blau Blümelein, durch Silberwölkchen führt sein Lauf; blau, blau Blümelein. Rosen im Tal, Mädel in Saal, o schönste Rosa!

Im Volkslied und im musikalischen „Volkston“ lebt die romantische Idealisierung des „Volk“-Begriffes fort. Gerade die Intellektuellen hatten eine Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach dem Unverfälschten, aber auch Sehnsucht nach der stilisierten „schönen Fremdheit“ dieser Welt, die gern in die Vergangenheit transferiert wurde. Und: in Sammlungen wie „Des Knaben Wunderhorn“ von Arnim und Brentano, aus der Schumann, Brahms, Mahler und andere ja viele Texte vertonten, scheuten die Herausgeber nicht davor zurück, die Texte zu bearbeiten oder sogar eigene Texte einzufügen. Ebenso verfuhr der Komponist Zuccalmaglio, der eigene Lieder als Volkslieder ausgab - und auch Brahms glaubte ihm und verwendete seine Melodien.

Alles „Unschickliche“, Derbe, Realistische der wirklichen Volkslieder, wie sie dann erstmals Béla Bartók unverfälscht sammelte und herausgab, wurde im 19.Jahrhundert ausgeklammert, und: auch Brahms plädierte für solche Verfahren. Für ihn sollten Volkslieder seinen künstlerisch-ästhetischen Idealen entsprechen, und er bearbeitete folglich auch nur solche, die diesen Maßstäben genügten. Sein bekanntestes Lied „im Volkston“ ist, bis heute, zweifellos „Guten Abend, gut Nacht“ op.49,4. Brahms wurde von seinem Verleger zu immer neuen Versionen gedrängt, die sich hervorragend verkaufen ließen - bis Brahms dann den ironischen Vorschlag machte, eine Version in Moll herauszubringen: für böse Kinder.

WENN SIE DAS WIEGENLIED JETZT HÖREN, ACHTEN SIE BITTE DARAUF, DASS IM KLAVIERSATZ EIN ÖSTERREICHISCHER LÄNDLER EINGEWOBEN IST. Noch eine ganz persönliche Anmerkung: mich haben als Kind zwei Zeilen immer schrecklich irritiert und beängstigt: „morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“ - und wenn er nicht will?


V Lied und „neudeutsche“ Ästhetik
Um zu verstehen, mit welchem Zeitgeist sich Brahms auseinandersetzte, als er das Volkslied-Ideal für sich in Anspruch nahm, muss an dieser Stelle auf die sogenannte „Neudeutsche Schule“ eingegangen werden. Zu ihrer Ästhetik hatte Brahms ein sehr kritisches Verhältnis; zugleich aber bewunderte er durchaus Richard Wagner als einen eminenten Könner. Ob und wie - bei aller Distanz - doch Wagner-Einflüsse auf Brahms feststellbar sind, wird sich noch erweisen.

Richard Wagners Neubestimmung des musikalischen Dramas ab 1851/52 hatte große Auswirkungen auf das Verhältnis von Text und Musik allgemein, also auch in der Gattung „Lied“. Die theoretische Schrift Oper und Drama, entwirft bereits vieles, was Wagner dann später in Werken wie dem Ring des Nibelungen oder in Tristan und Isolde künstlerisch realisierte. Hier wird nun ein Prinzip aus der Vokalmusik verbannt, das Wagner selbst in all seinen bisherigen Werken noch selbstverständlich berücksichtigt hatte: die Komposition von regelmäßig gebauten Versen mit gleichbleibendem Vers-maß und - in der Regel - sogar mit regelmäßigen Reimen.

Was das für die bisherige Komposition bedeutete, lässt sich klar sagen: die symmetrischen Verhältnisse der Texte haben ihre Entsprechung in musikalischen Symmetrien, und die textliche Reim-Ordnung hat ihre Entsprechung in der Kadenz-Ordnung. Im Prinzip hielt sich Wagner an diese Text-Musik-Relation - bis zum Lohengrin. Dann aber machte er sich über diese sogenannte „Quadratur der Tonsatzkonstruktion“ regelrecht lustig.

Dagegen setzt Wagner nun ein Prinzip, das man als musikalische Prosa bezeichnen kann: die Musik „argumentiert“ symphonisch, sie denkt musikalische Gedanken folgerichtig weiter, ohne sich auf vorgefasste Symmetrien und Kadenzen zu verlassen - die Melodien werden "unendlich". Die Substanz der Musik spielt sich im thematisch-motivischen Geflecht des Orchesters ab. Nur selten werden Gesangsstimmen in die thematisch-motivische Dramaturgie der Leitmotive einbezogen. Und liedhafte Schlichtheit taucht nur noch an ganz wenigen herausgehobenen Stellen auf.

Das war vorbildlich für die Lied-Konzeption von Hugo Wolf. Wolf hatte als junger Mann Brahms in Wien aufgesucht und ihm einige Lieder vorgelegt. Brahms war durchaus angetan, riet ihm aber, sich noch kompositions-technisch zu vervollkommnen. Wolf, der „Wilde Wolf“, wie er in Wien genannt wurde, reagierte wütend und wurde zum erbitterten Brahms-Gegner; er bekämpfte ihn auch publizistisch, in Zeitungskritiken. Über einige der Mörike-Lieder von Wolf sagte Brahms später: „Ja, wenn man sich um die Musik nicht kümmert, ist das Deklamieren eines Gedichtes sehr leicht.“ Sein Wertmaßstab war also, ähnlich wie bei Schumann, das Befolgen der Eigengesetzlichkeiten der Musik, verknüpft aber trotzdem mit angemessener Textdarstellung. Brahms fährt fort über Hugo Wolf: „Ansonsten sieht man, dass er ein gewandter, gebildeter, gescheiter Mensch ist.“ (8)

Brahms selbst hatte durchaus keine prinzipelle Abneigung gegen Wagners Neuerungen, nur: sie sollten nicht zum allgemeinen musikalischen Mittel werden, sondern sie wurden gezielt eingesetzt. So verwirklicht er etwa in den „Ernsten Gesängen“ (auf die ich in den Seminaren noch genauer eingehen werde) durchaus Prinzipien der musikalischen Prosa , die sich sogar auch in Liedern wie „Der Tod, das ist die kühle Nacht“ feststellen lassen. Wagner am nächsten ist Brahms wohl in seiner „Alt-Rhapsodie“ op. 53 auf Texte aus Goethes „Harzreise im Winter“

WIR HÖREN JETZT AUSSCHNITTE AUS DIESEM WERK FÜR ALT-SOLO, ORCHESTER UND MÄNNERCHOR. Achten Sie besonders darauf, wie deklamatorisch-zerrissen die Stimme den verzeiflungsvollen Text zu Beginn rezitiert, und wie dann Brahms in ein schmerzliches Arioso überleitet. Hätte Brahms eine Oper geschrieben - er hat aber, wie Sie wissen, nicht - , dann hätte er hier anknüpfen können. Aber auch die Alt-Rhapsodie kennt das Schlichtheits-Ideal des Volkslieds: die tröstlichen Worte des Männerchors werden von einer schlicht-schönen C-Dur-Melodie getragen. Erinnern Sie sich noch an den Brief an Clara? „Wozu hat denn der Mensch das himmlische Geschenk, die Hoffnung empfangen? (...) Ruhig in Freude und ruhig im Schmerz und Kummer ist der schöne, wahrhafte Mensch.“


VI Lied und Liedcharaktere im Gesamtwerk von Brahms
Lieder und Gesänge bilden den bei weitem größten Teil des Gesamtwerks von Johannes Brahms. Es sind über 40 Opus-Gruppen, und jedes Opus hat etwa 5 - 9 Lieder (wir finden etwa 200 Solo-Lieder und über 100 Solo-Volksliedbearbeitungen; dazu kommen noch etwa 100 Duette und Quartette, auch Volkslieder, für Gemischten Chor a cappella und für 3stimmigen Frauenchor arrangiert).

Die ausgewählten Texte setzen einerseits die Schumann-Tradition fort; wir finden Goethe, Eichendorff, Heine, Uhland, Mörike. Aber Brahms vertonte auch Zeitgenossen wie Hebbel, Storm, den Schweizer Gottfried Keller und den norddeutschen Klaus Groth (mit diesen beiden war er befreundet). Und: er vertonte Texte, die wir heute nicht unbedingt literarisch auf höchstem Niveau ansiedeln würden, so von Daumer, Simrock, Schmidt, Lemcke. Hatte er also doch kein so ausgeprägtes Bewusstsein für Text-Qualität? So wird z.T. bis heute argumentiert, was aber ziemlich dumm ist.

Brahms brauchte Texte, die noch Platz für Musik ließen, nicht die komplexen Meisterwerke, die eigentlich keine Musik mehr dulden. Zu Schuberts Goethe-Vertonungen sagte er: „Die letzte Strophe des Schubertschen Suleika -Liedes ‚Was bedeutet die Bewegung?‘ ist die einzige Stelle, wo ich mir sagen muss, dass Goethesche Worte durch die Musik wirklich noch gehoben worden sind. Sonst kann ich das von keinem anderen Goetheschen Gedicht behaupten. Die sind alle so fertig, da kann man mit Musik nicht an.“ (9) Mit dieser Argumentation wurde Brahms auch zum Vorbild für die Liedästhetik Gustav Mahlers. Alle von ihm vertonten Rexte ließen sehr viel Raum für eine Musik, die - und zu dieser romantischen Tradition bekannten sich sowohl Brahms als auch Mahler - die eigentliche, die tiefe Aussage der Werke begründet, an die Worte nicht heranreichen.

Heine zu vertonen, war in Brahms‘ Zeit ein merkwürdiges Unterfangen, denn: kein deutscher Dichter wurde häufiger komponiert als er. 1885 erfasste ein Katalog 2750 Heine-Lieder; allein „Du bist wie eine Blume“ existierte in 222 Versionen. Immerhin: Brahms nahm keinen der Heine-Texte für seine Lieder, die zuvor schon Schubert, Mendelssohn und Schumann vertont hatten.

Wichtig sind neu vertonte Volkstexte, vergleichbar den „Wunderhorn“-Liedern Mahlers: Texte also, zu denen Brahms eine vollständig eigene neue Musik erfand. Das betrifft auch, lange vor Béla Bartók, slowakische, böhmische und serbische Texte, allerdings übersetzt ins Deutsche. WIR HÖREN JETZT DAS „MÄDCHENLIED“ OP.85,3 AUF EINEN SERBISCHEN TEXT, DEN BRAHMS IN EINEN WUNDERBAREN 5/4-TAKT UMSETZTE.

Wenn vom Lieder-Komponisten Brahms die Rede ist, dann muss auf jeden Fall eine sehr populäre Gattung erwähnt werden: die des Walzers. Man ist nicht ungestraft Komponist in Wien. Und Brahms hatte, anders als Wagner, Wolf, Bruckner, keine Scheu davor, Tanzmusik zu komponieren. Er kreierte dabei eine ganz neue Gattung: die Liebeslieder-Walzer für 4 Stimmen und Klavier zu 4 Händen - ein unglaublicher Erfolg, ähnlich wie der Erfolg der „Ungarischen Tänze“, bis zum heutigen Tag. Diese „Liebeslieder-Walzer“ auf Texte von Daumer werden heute gern von großen gemischten Chören gesungen; gedacht sind sie eigentlich für Vokal-Quartette. In den Seminaren werde ich darauf genauer eingehen.

Und zum Abschluss eines relativ langen Abends soll noch einmal auf das Phänomen verwiesen werden, das auch vorbildlich für Gustav Mahler wurde, dass nämlich Brahms Lieder und Liedcharaktere auch in seine Instrumentalmusik übertrug. Ein berühmtes Beispiel ist der langsame Satz des 2.Klavierkonzerts, in dem die Lieder „Immer leiser wird mein Schummer“ und „Todessehnen“ verarbeitet sind. Von der „Regensonate“ für Violine und Klavier und ihrer Verbindung zu Clara war schon die Rede, und auch die A-Dur-Violinsonate op.100 zitiert Lieder, die in unmittelbarer Verbindung zur verehrten, wohl insgeheim auch geliebten Sängerin Hermine Spies standen.

Eines der im 19.Jahrhundert berühmtesten Brahms-Lieder war die „Sapphische Ode“ op.94,4 auf einen Text des deutsch-baltischen Dichters Hans Schmidt aus Riga. Hier sind alle Vorzüge der Liedkonzeption von Johannes Brahms zusammengefasst: eine nahezu volksliedhafte Schlichtheit in der Melodieführung verbindet sich organisch mit einer höchst kunstvollen und sehr genauen Deklamation des komplizierten sapphischen Versmaßes, das zu Asymmetrien und Taktwechseln führt. Die Harmonik ist für Brahmsische Verhältnisse erstaunlich schlicht - was der Textaussage entspricht; und nur vereinzelt sind subtile Besonderheiten zu hören.

WIR HÖREN NUN ABER ZUNÄCHST NICHT DAS LIED, SONDERN DEN LANGSAMEN SATZ AUS BRAHMS‘ VIOLINKONZERT, DAS, WIE SOLLTE ES ANDERS SEIN, JOSEPH JOACHIM GEWIDMET IST. UND SIE BEMERKEN: DIESER SATZ BEGINNT MIT EINER PARAPHRASE DES LIEDES. IM ANSCHLUSS DANN HÖREN WIR DIE „SAPPHISCHE ODE“.
(1) Schumann, in: Neue Zeitschrift für Musik, Bd.39, 1853, S.185 f
(2) Ebenda
(3) Brahms, Briefe, hrsg.v. Mathias Hansen, Leipzig 1983, S.30
(4) Ebenda, S.81 f
(5) Ebenda, S.193
(6) Ebenda, S.961
(7) Ebenda, S.259
(8) Heuberger, Erinnerungen an Johannes Brahms, Tutzing 1973, S.41
(9) Kalbeck, Johannes Brahms III, Berlin 1910, S.87