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17. Sommerakademie | Lehrkräfte | Archiv

Eröffnungsvortrag Rottenburg 2006

Das Liedschaffen von Hugo Wolf

Prof. Harmut Fladt

Wohngemeinschaften von Studenten sind heute in aller Welt selbstverständlich. Dass drei sechzehnjährige, bettelarme Konservatoriums-Studenten in einer WG in Wien bei einer grantigen Vermieterin zur Untermiete wohnen, ist schon ungewöhnlicher. Am ungewöhnlichsten aber ist es, dass wir das Jahr 1876 schreiben und zwei dieser drei Jünglinge Gustav Mahler und Hugo Wolf heißen (der dritte hatte den sehr Wienerischen Namen Krzyzanowsky). Die Lebensläufe von Mahler und Wolf sind auf die merkwürdigste Weise ineinander verschlungen. Beide kommen aus unterschiedlichen Provinzen der Österreich-Ungarischen Monarchie: Mahler aus Kalischt in Böhmen, Kind einer jüdischen Kaufmanns-Familie, Wolf aus dem slowenischen Windischgraz, Sohn eines Gerbers und Lederhändlers. Bei beiden wird die musikalische Begabung sehr früh erkannt, und beide möchten mit Hilfe der Kunst der kleinbürgerlichen Enge entkommen.

Das gelingt aber auf völlig unterschiedliche Weise, und es wird für Wolf bis zu seinem frühen Lebensende eine bedrückende und bittere Tatsache sein, dass Mahler in seiner Musiker-Karriere all das erreichte, was ihm selbst versagt blieb. Keinen qualifizierten Schulabschluss schaffte Wolf, auf dem Konservatorium versagte er früh und wurde schon 1877 relegiert. Angestrebte Kapellmeister-Posten verlor er rasch; als Musikkritiker schrieb er 3 Jahre lang für das Wiener "Salonblatt", ein Klatsch- und Schmutzblättchen. Als Komponist aber hatte er endlich den gewünschten Erfolg: mit Liedern und Liederzyklen. Aber auch darüber war er nur wenig glücklich - er strebte nach Höherem.

In einem Brief an Emil Kauffmann schrieb Wolf: "Die schmeichelhafte Anerkennung als "Liederkomponist" betrübt mich in die innerste Seele. Was anders will es denn bedeuten, als eben einen Vorwurf, dass ich immer nur Lieder komponiere, dass ich doch nur ein kleines Genre beherrsche."Ob es nun ein schöner Zufall ist oder von Wolf bewusst geplant: das "Italienische Liederbuch beginnt mit der Miniatur "Auch kleine Dinge können uns entzücken". Mir scheint das wirklich programmatisch zu sein. (Barbara Bonney/Geoffrey Parsons)

An den großen Genres, der Symphonischen Dichtung und an der Oper, scheiterte Hugo Wolf. Seine Symphonische Dichtung "Penthesilea" ist vergessen - zu Recht. Seine Oper "Der Corregidor" sollte an der Hofoper Wien uraufgeführt werden, so hatte ihm 1897 der Hofoperndirektor angekündigt; und dieser Hofoperndirektor - das war das höchste musikalische Amt in Europa - hieß Gustav Mahler.

Doch die Aufführung kam nicht zustande, was bei Wolf einen von zahlreichen Anfällen von Wahnsinn auslöste: er hielt sich selbst für den Hofoperndirektor und verkündete, er werde Mahler entlassen. Am 20.September 1897 wurde Wolf in die Nervenklinik (damals Irrenanstalt genannt) eingeliefert. Erst ein Jahr nach Wolfs Tod im Jahr 1903 dirigierte Mahler die Wiener Erstaufführung des Corregidor - aber vergeblich. Alma Mahler bemerkte: "Eine Aneinanderreihung von schönen Liedern genügt eben doch nicht für ein dramatisches Werk."

Es scheint demütigend für den Antisemiten Hugo Wolf gewesen zu sein, dass ausgerechnet der aus einer jüdischen Familie stammende Jugendfreund Mahler Schule und Konservatorium mit glänzenden Abschlüssen absolvierte und stetig seine Karriere aufbaute. All das bahnte sich ja in der Wohngemeinschaft der Sechzehn- und Siebzehnjährigen an. Mahler erlebte Hugo Wolfs einschneidende Katastrophe unmittelbar mit; in Alma Mahlers Erinnerungen an Gustav Mahler wird geschildert, wie Wolf sich mit der Syphilis infizierte und wie die Paralyse unaufhaltsam voranschritt. (Denken Sie daran, dass auch Schubert, Schumann und Nietzsche an Syphilis starben, Schumann und Nietzsche wie Hugo Wolf im Wahnsinn.)

(Ich möchte Ihnen die Passagen aus Alma Mahlers Erinnerungen dann in einem der Seminare vorlesen - sie sind sehr aufschlussreiche Zeugnisse über das Künstlerleben in dieser Zeit.)

Der Antisemitismus war im Wien dieser Zeit weit verbreitet. Sie müssen sich klar machen, welche Folgen das hatte; hier in Wien lebte z.B. der junge Adolf Hitler und zimmerte seine Ideologie zusammen, die hauptsächlich vom "Alldeutschen Verein" stammte, der damals durchaus schon den späteren Holocaust propagierte. Hugo Wolf hatte als bekennender Antisemit allerdings keine Scheu davor, sich von jüdischen Freunden ernähren zu lassen, bei ihnen kostenlos zu wohnen, quasi bezahlten Urlaub fürs Komponieren zu bekommen. Friedrich Eckstein, der ein Bruckner-Schüler war, hat auf eine rührende Weise für Wolf gesorgt, noch in den schrecklichen Zeiten der Paralyse.

Hugo Wolf war ein glühender Anhänger der "Neudeutschen Schule", besonders von Franz Liszt und Richard Wagner. In seinen Zeitungskritiken war er nichts als Partei, mit messerscharfen Formulierungen; er hieß in Wien "der wilde Wolf". Von Johannes Brahms ist überliefert, dass er sich das "Salonblatt" kaufte, um sich daran zu amüsieren, was der Wilde Wolf denn wieder Schlimmes über ihn geschrieben hatte. Wolf verstieg sich bis zur Behauptung, dass ein einziger Tschinellenschlag in einer Symphonischen Dichtung von Liszt mehr Geist und Empfindung in sich trage als eine ganze Symphonie von Brahms. Die Geschichte hat ihr Urteil gesprochen - Liszts Symphonische Dichtungen sind fast völlig vergessen.

Um den Weg zurück zum Thema unserer Sommerakademie zu finden, nämlich zum Liedschaffen von Hugo Wolf, möchte ich kurz von der ersten Begegnung Wolfs mit Johannes Brahms berichten. Wolf ging zu Brahms, der die höchste musikalische Autorität in Wien war, und zeigte ihm einige seiner frühen Lieder. Brahms, so ist überliefert, habe auf seine knorrige Art gesagt "ganz hübsch, junger Mann", habe aber keinen Zweifel daran gelassen, dass handwerklich-kompositionstechnisch erhebliche Mängel vorlagen. Er empfahl ihm, Kontrapunkt-Unterricht bei Gustav Nottebohm nachzuholen (der war der kompetenteste Lehrer in dieser Zeit). Und ab da war der "wilde Wolf" ein unversöhnlicher Brahms-Gegner. In den Familienbriefen kann man lesen, wie wütend Wolf war; er warf Brahms "norddeutsche Pedanterie" vor. Alle sogenannte "gelehrte" Musik, sei sie nun von Bach, von Mozart oder von Brahms, strafte er von nun an mit Missachtung. In der Psychologie nennt man das Idiosynkrasie.

Im zweiten Teil meines Vortrags möchte ich nun einige Ausführungen zur Geschichte und zur Ästhetik der Gattung "Lied" im 19. Jahrhundert machen. Sie sollen die besondere Position Hugo Wolfs verdeutlichen. Natürlich kommt man bei solchen grundlegenden Erwägungen nicht an Goethe vorbei, dem bis heute meistvertonten Dichter deutscher Sprache (von Hugo Wolf stammen über 50 Lieder und Gesänge auf Goethe-Texte).

Goethe räumte der Gattung "Lied" einen sehr hohen Stellenwert ein; er war allerdings der Überzeugung, dass dem Text die höhere Bedeutung zukomme und die Musik eine eher dienende Rolle einnehmen solle. Für das Text-Musik-Verhältnis hatte er folgende Forderungen: - Einheitlichkeit der Empfindung und des Ausdrucks;
- Selbständigkeit der Singstimme, die nur in Ausnahmefällen auf die Begleitung angewiesen sein soll;
- Fasslichkeit und "edle Einfalt", leichte Singbarkeit;
- deutliche Umsetzung des Versmasses;
- in der Regel strophische Anlage, symmetrisch-periodische Strukturen und textgebundene Korrespondenzen.

Es ist verständlich, dass Goethe mit zahlreichen Vertonungen von Ludwig van Beethoven und fast allen von Franz Schubert nichts anfangen konnte, ja, dass er sich dagegen wehrte; denn: sie gehen von einer Gleichberechtigung von Text und Musik aus. Beethovens und Schuberts Musik interpretiert ihre Texte. Text, Vokalpart und der sich emanzipierende Instrumentalpart sind also nun gleichberechtigte Parameter in einem übergeordneten Ganzen. Das wird bis Hugo Wolf so bleiben.

Wir unterscheiden jetzt drei bzw. vier Idealtypen des deutschsprachigen Klavierlieds: 1.Strophenlied,
2.variiertes Strophenlied,
3.durchkomponiertes Lied.
So weit kennen Sie diese Idealtypen sicherlich. Als ein viertes aber kommen noch Textvertonungen hinzu, die - in Abgrenzung zum Lied - "Gesänge" genannt wurden. Gesänge sind in der Regel durchkomponiert; ihre Texte aber gehorchen nicht mehr dem Schlichtheits-Gebot der Gattung Lied. Sie sind freimetrisch, und sie lassen sich nicht in symmetrische Strophen pressen. Hugo Wolf tendiert dazu, auch solche Texte, die Liedcharakter haben, als Gesänge zu komponieren.

Besonders in die durchkomponierten Lieder und in die Gesänge dringen Elemente aller anderer Gattungen der Vokalmusik ein, vom Rezitativ über Arioso zu szenisch-Dramatischem, von Kantatenhaftem zur Ode, zum Hymnus, vom Kirchengesang bis zum Marschlied usw.

Auch Felix und Fanny Mendelssohn greifen Beethovens und Schuberts Konzeption der Gleichberechtigung auf. Für Schubert und die beiden Mendelssohns ist jetzt auch erstmals eine Voraussetzung feststellbar, die von nun an für alle späteren bedeutenden Liedkomponisten gilt: sie alle sind literarisch gebildet und nehmen auch die gesamte Lyrik ihrer Gegenwart zur Kenntnis. Hugo Wolf hatte eine eminente literarische Bildung.

Einen Schritt weiter ging nun Robert Schumann. Für ihn war die romantische Musikästhetik, wie sie Schlegel, Tieck, Wackenroder und E.T.A.Hoffmann entwickelt hatten, eine selbstverständliche Lebens-Grundlage. Für die Romantiker (für die deutschen, das gilt nicht für die französischen oder die englischen!) wurde die Musik zur höchsten aller Künste; besonders die Instrumentalmusik wurde neu gedacht und gefühlt, und man entwickelte den Begriff der Absoluten Musik. Diese Musik ist nur noch sich selbst verantwortlich - sie ist losgelöst von kirchlichen oder gesellschaftlichen Funktionen, ist sie ist deswegen dem göttlichen Prinzip, dem Absoluten, am nächsten.

Die Absolute Musik vermag sich aber auch vom Text und von konkreten Inhalten loszulösen - an jedem Text haftet ja die Realität mit ihrer "Erdenschwere"; und nur die Musik kann Empfindungen und Ideen ausdrücken, an die die Worte gar nicht mehr heranreichen. Für Schumanns Lieder bedeutet das: dem Klavierpart kommt nun eine Bedeutung zu, wie sie vorher in der Musikgeschichte noch nie zu beobachten war. Wie schon bei Schubert interpretiert die Vertonung den Text, doch das Eigentliche, das Un-Nennbare wird instrumental ausgedrückt. (Ich weiß, dass Sänger das nicht gern hören - aber die musikgeschichtlichen Tatsachen sind nicht zu verleugnen.) Sie können das besonders schön an vielen sogenannten "Nachspielen" von Schumann - Liedern feststellen, die ja meist viel mehr als nur "Nachspiele" sind; es handelt sich sehr oft um eine weitere Strophe, allerdings ohne Gesang, und die Überschrift dieser Instrumentalstrophen könnte lauten (wie in Schumanns "Kinderszenen": Der Dichter spricht.

Diese romantische Konzeption der besonderen Bedeutung des Instrumentalen wird von allen späteren Komponisten des deutsch-österreichischen Kulturraums aufgegriffen - sie gilt also von Brahms über Hugo Wolf, Mahler, Strauss bis zur Schönberg-Schule, ja bis Hans Werner Henze und Aribert Reimann. Für Hugo Wolf hat der Musikwissenschaftler Hans Eppstein einen neuen Gattungsbegriff vorgeschlagen: das Klavierstück-Lied. Behauptet wird, dass in zahlreichen Liedern und Gesängen bei Wolf der Klavierpart so autonomisiert ist, dass auch ohne Singstimme ein sinnvolles Ganzes existiert. Ich finde diese These problematisch und möchte darauf noch einmal eingehen, wenn über die Rolle Richard Wagners im Schaffen Wolfs nachgedacht wird.

Das Prinzip der Grenzüberschreitungen zwischen den Gattungen kann auch dazu führen, dass in ein Klavierlied symphonische Elemente integriert werden. Gerade bei Wolf, Mahler und Strauss ist es häufig nur sehr schwer zu rekonstruieren: sind die orchestralen Versionen von Liedern das spätere Stadium (wurden also ursprüngliche Klavierlieder "instrumentiert") oder sind, im Gegenteil, Klavierlieder die Reduktion von ursprünglich orchestralen Konzeptionen, also eigentlich nur Klavierauszüge? Für beide Versionen gibt es zahlreiche Beispiele.

Richard Wagner ist als Liedkomponist - sieht man vom Wesendonk-Zyklus ab - durchaus nicht bedeutend; aber seine Neubestimmung des musikalischen Dramas ab 1851/52 hat auch eminente Auswirkungen auf das Verhältnis von Text und Musik allgemein. Die theoretische Schrift Oper und Drama, die im Exil in der Schweiz entstand, entwirft bereits all das, was Wagner dann später in Werken wie dem Ring des Nibelungen oder in Tristan und Isolde künstlerisch realisierte.

Die besondere Bedeutung des symphonischen Denkens und damit auch des Instrumentalen im Musikdrama wird erstmals formuliert - und damit ist Wagner durchaus noch in der Gesellschaft der romantischen Ästhetik. Diese Ästhetik ändert sich aber noch durch Wagners Rezeption des Philosophen Arthur Schopenhauer und seine Schrift "Die Welt als Wille und Vorstellung": Musik ist wie keine andere Kunst unmittelbares Abbild des "Weltwillens" und deshalb die höchste aller Künste.

Auf der anderen Seite aber wird jetzt in "Oper und Drama" ein Prinzip aus der Vokalmusik verbannt, das Wagner selbst in all seinen bisherigen Werken noch selbstverständlich berücksichtigt hatte: die Komposition von regelmäßig gebauten Versen mit gleichbleibendem Versmaß und - in der Regel - sogar mit regelmäßigen Reimen (das betrifft nicht Rezitative!).

Was das für die bisherige Komposition bedeutete, lässt sich klar sagen: die symmetrischen Verhältnisse der Texte haben ihre Entsprechung in musikalischen Symmetrien, das heißt in periodischen Gestalten mit Vorder- und Nachsatz-Prinzip, oder in regelmäßigen "Sätzen" und Fortspinnungstypen; und: die textliche Reimordnung hat ihre Entsprechung in der Kadenz-Ordnung.

Im Prinzip hielt sich Wagner an diese Text-Musik-Relation - bis zum Lohengrin. Dann aber - salopp gesagt - "reichte es ihm", und er machte sich über diese sogenannte "Quadratur der Tonsatzkonstruktion" regelrecht lustig. Dagegen setzt Wagner nun ein Prinzip, das man als musikalische Prosa bezeichnen kann: die Musik "argumentiert" symphonisch, denkt musikalische Gedanken folgerichtig weiter, ohne sich auf vorgefasste Symmetrien und Kadenzen zu verlassen - die Melodien werden unendlich.

Damit verbunden ist ein Punkt, den Sängerinnen und Sänger nicht sehr gern hören: die Substanz der Musik spielt sich im thematisch-motivischen Geflecht des Orchesters ab, und die Singenden deklamieren zusätzlich den Text und sind verantwortlich für den emotionalen dramaturgischen Sinn. Nur selten werden Gesangsstimmen in die thematisch-motivische Dramaturgie der Leitmotive einbezogen. Und liedhafte Schlichtheit taucht nur noch an ganz wenigen herausgehobenen Stellen auf: so etwa in Siegfrieds Schmiedelied.

Ich will nicht weiter auf Wagner eingehen, aber Sie sehen: jetzt haben die nachfolgenden Liedkomponisten ein echtes Problem. Was tun? Sie vertonen ja weiterhin Lyrik, die - bis auf die wenige Ausnahmen der "Gesänge" - symmetrische Versmasse und Reimordnungen hat. - Soll man jetzt dem Verdikt Wagners folgen und sagen: ich löse diese Lyrik, diese gebundene Rede in musikalische Prosa auf, deklamiere korrekt, überlasse der Singstimme die äußere Darstellung der Gefühls-Dramaturgie, aber das wahre musikalische Geschehen, die Substanz, spielt sich im Instrumentalpart ab; das ist in der Regel die Position von Wolf. - Oder nimmt man den Gegenstandpunkt ein: Wagners Problem ist nicht das meine, ich entwickle den Ansatz Schumanns weiter.

Zwischen diesen beiden Polen schwanken die Lieder von Wolf, Mahler, Strauss. Hugo Wolf ist noch der entschiedenste Wagnerianer; so repräsentieren beispielsweise im Mörike-Zyklus die Lieder An den Schlaf und In der Frühe einen deutlichen "Wagnerismus". Von Johannes Brahms ist eine kluge Reaktion auf einige der Mörike-Lieder überliefert; er sagte: "Ja, wenn man sich um die Musik nicht kümmert, ist das Deklamieren eines Gedichtes sehr leicht. Ansonsten sieht man, dass er ein gewandter, gebildeter, gescheiter Mensch ist." Wir hören nun In der Frühe (Dietrich Fischer-Dieskau/Gerald Moore). Achten Sie auf den fest gefügten Klavierpart und die deklamierende Stimme. Für Sängerinnen und Sänger wird es sehr schwer sein, darüber nachzudenken, ob dies ein "Klavierstück-Lied" ist, also ob die Singstimme eigentlich entbehrlich ist - aber versuchen Sie es einmal.

Hugo Wolf war - und ich kann nur sagen: Gott sei Dank - kein Dogmatiker, und so gibt es in eben diesem Mörike-Zyklus auch Lieder ganz in der Schumann-Tradition, in denen die Singstimme wunderbare, symmetrische Melodien singen darf, z.B. Um Mitternacht ("Gelassen stieg die Nacht an Land..."). Ich möchte dann in den weiteren Seminaren und Gruppen-Unterrichtsstunden genauer auf diese Lieder und ihre kompositorischen Prinzipien eingehen. Um Mitternacht (FiDi/Moore)

Johannes Brahms brauchte Texte, die noch Platz für Musik ließen, nicht die komplexen Meisterwerke, die eigentlich keine Musik mehr dulden. Zu Schuberts Goethe-Vertonungen sagte er: "Die letzte Strophe des Schubertschen Suleika -Liedes ›Was bedeutet die Bewegung?‹ ist die einzige Stelle, wo ich mir sagen muss, dass Goethesche Worte durch die Musik wirklich noch gehoben worden sind. Sonst kann ich das von keinem anderen Goetheschen Gedicht behaupten. Die sind alle so fertig, da kann man mit Musik nicht an." Mit dieser Argumentation wurde Brahms auch zum Vorbild für die Liedästhetik Gustav Mahlers. Alle von ihm vertonten Texte ließen sehr viel Raum für eine Musik, die - und zu dieser romantischen Tradition bekannten sich sowohl Brahms als auch Mahler - die eigentliche, die tiefe Aussage der Werke begründet, an die Worte nicht heranreichen.

In einem Brief an Clara Schumann hatte Brahms geschrieben: "Das Lied segelt jetzt so falschen Kurs, dass man sich ein Ideal nicht fest genug einprägen kann, und das ist das Volkslied." Bei aller Bewunderung für Wagner bewahrten besonders Mahler und Strauss dieses Ideal in ihren Liedern, ohne auf die Errungenschaften Wagners zu verzichten. Die Wahl der kompositorischen Mittel hängt allein vom Text und von der angestrebten Aussage ab.

Wir hören jetzt von Gustav Mahler aus den "Wunderhorn-Liedern" Des Antonius von Padua Fischpredigt. Hier wird auf der Grundlage einer sehr populären Ländler-Melodie ein ironisches Welttheater entfaltet. Alle Predigten des Heiligen sind vergeblich - die Welt bleibt schlimm, wie sie war. Der satirische Tonfall der Musik Gustav Mahlers spannt einen Bogen vom Populären bis zum Avantgardismus (es gibt z.B., erstmals in der Musikgeschichte, Bi-Tonalität, d.h. zwei Tonarten erklingen gleichzeitig). Fischpredigt (Janet Baker)

Aber auch bei Hugo Wolf gibt es besonders im "Spanischen Liederbuch" und im "Italienischen Liederbuch" in vielen Liedern eine deutliche Distanz zum strengen Wagnerismus. Wahrscheinlich wurde Wolf auch durch die Lektüre des Philosophen Friedrich Nietzsche beeinflusst, der ja vom Wagner-Bewunderer zum scharfen Wagner-Kritiker geworden war und gerade Carmen von George Bizet gleichsam als "Gegengift" zu Wagner proklamiert hatte. Das "Spanische Liederbuch" ist Ausdruck einer europaweit verbreiteten Spanien-Mode. Wir hören jetzt In dem Schatten meiner Locken (Elisabeth Schwarzkopf/Gerald Moore)

Mahler, Wolf und Strauss rechneten sich zur musikalischen Moderne, ebenso wie der gleichaltrige Claude Debussy in Frankreich. Sie alle wollten ganz gegenwärtig sein und waren offen auch für die neuesten Entwicklungen in der Dichtkunst, der Philosophie, der Malerei, ja sogar der entstehenden Psychoanalyse und - der Technik. Und der emphatischste "Moderne" war - Richard Strauss; man darf sich durch seine Kehrtwendung seit dem "Rosenkavalier" nicht täuschen lassen!

Hugo Wolf ging der Avantgardismus von Richard Strauss allerdings zu weit, besonders, weil Strauss auch vom krassen Naturalismus seiner Zeit beeinflusst war, der einen psychologischen Realismus betonte und auch soziales Engagement zeigte. Wolf schrieb in einem Brief: "Diese affektierten Harmoniekrämpfe spotten jeder Beschreibung. Dergleichen aber gilt in Deutschland als genial und kühn. Da will ich lieber eine talentlose Memme sein als solch ein Himmelsstürmer".

Wir hören jetzt einen unbekannten Richard Strauss aus seiner wilden Berliner Zeit, Text von Richard Dehmel, "Der Arbeitsmann". Dieses Lied sollte provozieren, denn kurz zuvor hatte der deutsche Kaiser Wilhelm II den sozial engagierten Naturalismus und die Sezession in der Malerei noch scharf bekämpft und als "Rinnsteinkunst" bezeichnet. (Der Arbeitsmann Fischer-Dieskau/Gerald Moore)

Hugo Wolfs Harmonik ist zweifellos auch ein Kind der Moderne, originell und farbig. Aber er sagte selbst darüber, man könne erkennen, "wie nach der strengsten Regel der Harmonielehre jede meine noch so kühnen Dissonanzen zu rechtfertigen ist". Es ist bezeichnend, dass Wolf sagt "Harmonielehre" - nicht "Kontrapunkt". Wolfs Dissonanzen werden als Klangphänomene von Akkordfarben aufgefasst, nicht als Stimmführungsphänomene, die sich kontrapunktisch verhalten. Das ist, auf der einen Seite, modern, frühimpressionistisch, auf der anderen Seite aber auch ein Zeichen von handwerklichem, satztechnischem Ungeschick. (Vor etwa 15 Jahren habe ich darüber einen Aufsatz geschrieben mit dem Titel "Der Geniale Dilettant. Kriterien der Wolf-Kritik", erschienen in: Hugo Wolf, Band 75 der "Musik-Konzepte".)

Das Krankheitsbild der Syphilis ließ bei Wolf ein Abwechseln von depressiven und von manischen Zuständen entstehen. Komponieren konnte er nur während der erregten, manischen Phasen, die in ihm regelrechte Schaffensräusche entstehen ließen; so entstanden spontan oft mehrere Lieder an einem Tag. Dass zum Komponieren außer Einfällen auch die geduldige, harte, lange Arbeit gehört, das hätte Hugo Wolf gut an seinem großen Vorbild Richard Wagner sehen können; Wolf war es nicht möglich, und das ist sicherlich der Haupt-Grund dafür, dass ihm die anspruchsvolleren Genres nicht gelingen konnten.

Aber was soll uns davon abhalten, Wolfs große Liederzyklen als Gesamtzyklen zu den anspruchsvollen Genres zu zählen? Der für mich gelungenste Zyklus sind die 53 Mörike-Lieder. Und wie kann man einen Vortrag schöner schließen als mit dem Schluss-Stück dieses Mörike-Zyklus? Es heißt "Abschied". Das Lyrische Ich (hier zweifellos der Autor) wird von einem Menschen aufgesucht, der sich als sein Rezensent, als sein Kritiker aufspielt. Und beim Abschied, oben auf der Treppe gibt er ihm einen kleinen Tritt... von hinten... Im Klavier entsteht ein Höllenlärm, Gerumpel, Gepurzel - und dann die geniale Wende: das Fazit ("dergleichen habich nie gesehn, einen Menschen so rasch die Trepp hinab gehn!") erklingt als ironischer Wiener Walzer, scheinbar ganz harmlos-gemütlich, aber: mit satirischer Sprengkraft in sich. Abschied (FiDi/Gerald Moore)