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Zur Gründung des Nichidoku Liederkreis
Das Deutsche Lied hat in Japan in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel von seiner einstigen Bedeutung
in der Ausbildung und auch im Kulturschaffen selbst eingebüßt. Gab es bis vor einem Jahrzehnt noch viele
ausübenden Sänger/Innen und Pianisten/Pianistinnen wie auch der Lehrer und Lehrerinnen, die in Deutschland
ausgebildet worden waren, und die das Deutsche Lied auf der Basis ihrer Kenntnis der Deutschen Sprache und
der Deutschen Kultur angemessen repräsentierten, ist jetzt festzustellen, daß die Ausbildung der Japanischen
Sänger und Sängerinnen sich mehr und mehr auf Wien, Mailand und die USA konzentriert.
Die Gründe hierfür liegen einerseits in den künstlerischen und ökonomischen Bedingungen der Berufsausübung als Sängerin
oder Sänger, da es in Japan bisher (die erste japanische Nationaloper wurde 1997 in Tokyo eröffnet) wenig feste und bezahlte
Opern oder Chorensembles gibt. Sängerinnen und Sänger müssen aus anderen Einnahmen als Freie Künstler häufig auch für
Aufführungen in Oper oder Lied hohe finanzielle Risiken der Vorfinanzierung und des Kartenverkaufes auf sich nehmen.
Einnahmen sind im Grunde nur mit Orchesterkonzerten zu erlangen, wie der allein in Tokyo im Dezember mehr als 50 mal
aufgeführten 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.
Diese ökonomischen Bedingungen erfordern eine künstlerische Flexibilität bezüglich des Einsatzes der Stimme in den
verschiedensten Stilrichtungen von Oratorium über Deutsche und Italienischer Oper bis zum Deutschen Lied und Japanischen
Lied und des Umgangs mit verschiedensten musikalischen Epochen.
Das Ausbildungssystem an den Japanischen Hochschulen, in welchen Sängerinnen und Sänger in der Regel zwischen dem 18. und
22. Lebensjahr studieren, (mit 45 Wochenminuten Gesangunterricht im Verhältnis zu 90–120 in Deutschland und mehr in den USA) steht
in dem ständigen Zwiespalt zwischen einem Studium generale und einer auf die Lernenden zugeschnittenen Ausbildung im Sängerischen
und Musikalischen Bereich. Angesichts der vielfältigen Anforderungen steht das Deutsche Lied häufig in der Mitte des Studiums zwischen
den anderen Ausbildungsinhalten, oft zu einem Zeitpunkt, zu dem weder die künstlerische Persönlichkeit noch die sängerisch/musikalische
Ausbildung für die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Lied, seinen Sprachfarben und Gefühlswelten vorbereitet sind. Darüberhinaus sind
für die ständigen Zwischenprüfungen Stücke auszuwählen und vorzubereiten, wodurch zu wenig Zeit für die notwendige Vertiefung bleibt.
Am Ende der Ausbildung stehen oft die großen Opernarien des Italienischen Verismo.
Dieses hat häufig zur Folge, daß berühmte japanische Opernsängerinnen und Sänger ungeachtet des Ausmaßes ihres Verständnisses
für das Deutsche Lied und für die Deutsche Sprache und Kultur das Deutsche Lied in den Medien repräsentieren. Konzerte Deutscher
oder Deutschsprachiger Sängerinnen und Sänger wie auch Meisterkurse sind zwar in Japan sehr häufig, aus finanziellen Gründen
(Eintrittskarten ab 200.- DM) jedoch nur einem kleinen Kreis zugänglich.
So tritt an die Stelle der Erfahrung eines Konzertes die Compact Disk mit der Folge, daß nicht mehr die intensive Auseinandersetzung
mit dem Noten-Text Grundlage einer Einstudierung und einer Interpretation bildet, sondern der Nachvollzug der CD Abbildung mit der Gefahr,
daß Ausdrucksmittel über die Nachahmung eingesetzt werden, ohne den Ausdrucksgehalt selbst zu verstehen und zu überprüfen.
Andererseits konnte der Verfasser dieser Zeilen und Leiter der Sommerakademie im Unterricht von JapanerInnen als GaststudentInnen oder
auch in Japan für die Schubert-Gesellschaft feststellen, daß in Japan eine sehr hohe Affinität zum Deutschen Lied besteht und sich bei
entsprechenden Unterrichtsformen in stimmlicher und interpretatorisch/künstlerischer Hinsicht schnell und nachhaltig Veränderungen und
Erfolge erzielen lassen. Unterhalb der Verschiedenheit der Lebenswirklichkeiten zwischen Deutschen und Japanern können sich Gemeinsamkeiten
der Empfindung und des emotionalen Gestus freilegen lassen, die eine Identität der Aussage in der Vermittlung ermöglichen und das deutsche Lied
für die Ausführenden wie auch für die Zuhörer über die musealen Qualitäten hinaus erlebensfähig und -wert zu machen.
Gleichzeitig wurde dem Verfasser aufgrund dieser Erfahrungen deutlich, daß der Zugang zum Deutschen Lied nur zusammen mit den
Japanischen Künstlern und Lehrern geöffnet und erschlossen werden kann, da Meisterkurse profilierter europäischer Lehrerinnen und
Lehrer über die finanziellen Bedingungen hinaus in der Regel nur Sängerinnen und Sänger mit einem sehr fortgeschrittenen Ausbildungsstand
erreichen, und somit den Lernenden in den entscheidenden Entwicklungsphasen keinen Zugang ermöglichen da japanische PianistInnEn zwar sehr
häufig im Unterricht zu Begleitungsaufgaben herangezogen werden, nicht jedoch in der Liedbegleitung unterrichtet werden, erschien es
gleichzeitig zwingend, eine Ausbildung für Sänger/Innen und PianistInnEn zu entwickeln.
Weiterhin arbeitet der Verfasser schon seit mehr als 10 Jahren mit asiatischen Bewegungs- und Meditationstechniken, so daß es nahe
lag, eine Verbindung dieser Techniken mit den Erkennissen der Lerntheorie und des mentalen Trainings zu suchen.
Nach vorbereitenden Gesprächen im Jahr 1993 mit japanischen und deutschen Künstlern und Pädagogen, mit denen der Verfasser
durch künstlerische oder pädagogische Arbeit verbunden ist, konnte das Konzept so vertieft werden, daß in Zusammenarbeit mit der
Deutsch-Japanischen Gesellschaft KOBE der erste Sommerkurs im Jahr 1994 durchgeführt werden konnte.
Aufgrund dieses Sommerkurses entschieden sich die Lehrer, eine eigene Organisation zu gründen, in der die Grundauffassung der
Gleichberechtigung aller Lehrer, der Durchlässigkeit und Kooperation der Lehrer untereinander innerhalb der Ausbildung im Vordergrund steht.
So wurden alle Teilnehmer von den drei GesanglehrerInnen und den zwei PianistInnEn unterrichtet, ein Kooperationsmodell, wie es sich an
Institutionen nur selten verwirklichen läßt.
Hierdurch wurde eine sehr große Effizienz der Ausbildung erreicht. Das Konzept wurde in den
Sommerkursen 1995 und 1996 immer wieder eine kritischen Betrachtung unterzogen. So reifte
auch die Idee, diesen Kurs 1997 in Deutschland zusammen mit Deutschen Lehrern und Teilnehmern
als Sommerakademie und von diesem Zeitpunkt alternierend in Japan und Deutschland
durchzuführen. Aufgrund der Qualität und Kompetenz dieses Konzeptes war es möglich, für
die Sommerakademien seit 1997 so renommierte Pädagogen und Künstler wie die Professorinnen
der Hochschule der Künste Berlin, Frau Figur, Frau Güther und Frau Niss, Herrn Simon, Herrn Alder, Herrn
Menrath und Wilhelm v. Grunelius sowie Dr. Fladt, von der Hochschule für Musik und darstellende Kunst "Felix
Mendelssohn-Bartholdy Leipzig Herrn Prof. Beyer, Herrn Prof. Kammerlander
und Frau Prof. Werner, den Prof. Marggraf (Musikwissenschaft
Weimar) und den Pianisten Phillip Moll als Lehrer zu gewinnen, und dieses zu einem
Honorarsatz, der weit unter den üblichen in Deutschland und vor allem in Japan erzielbaren
Honoraren liegt.
Berlin hat neben Wien und Paris schon seit Beginn dieses Jahrhunderts einen prägenden Einfluß auf das Japanische Musikleben gehabt.
So zum Beispiel durch den Komponisten YAMADA KÓSAKU (1886-1965), der nach seinem Studienabschluß in Gesang und Musiktheorie in Japan von
1908-1914 an der Staatlichen Hochschule für Musik Berlin bei Max Bruch Komposition studierte, 1914 in Tokyo das erste Symphonieorchester
Japans gründete und zum bekanntesten Japanischen Komponisten im europäisch-akademischen Stil wurde. Dieser schrieb neben Opern und
Orchesterwerken auch eine bedeutende Anzahl von Japanischen Liedern und gilt als einer der Begründer des japanischen Klavierliedes.
Dieses ist einer der Gründe, warum sich die Deutschen Teilnehmer der Sommerakademie auch mit dem Japanischen Klavierlied auseinandersetzen
sollen.
Es ist erklärtes Ziel des Nichidoku Liederkreis, hier eine qualitativ hochwertige Möglichkeit zu einer zeitlich begrenzten
Weiterbildung zu schaffen.
Gerd Ulrich Bormann